{"id":49,"date":"1993-07-01T10:00:51","date_gmt":"1993-07-01T10:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/janvanveen.de\/?p=49"},"modified":"2018-03-23T20:47:32","modified_gmt":"2018-03-23T20:47:32","slug":"drueckerkolonnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/janvanveen.de\/?p=49","title":{"rendered":"Dr\u00fcckerkolonnen"},"content":{"rendered":"<div id=\"inhalt\">\n<h2>Hintergrundinformationen \u2013 Erfahrungen \u2013 Hilfe zum Ausstieg<\/h2>\n<p>Der Name Dr\u00fcckerkolonne setzt sich wie folgt zusammen: \u201eDr\u00fccker\u201c von Klingelknopf- oder T\u00fcrklinkendr\u00fccken, \u201eKolonne\u201c von der Arbeit in der Gruppe. Dr\u00fcckerkolonnen existieren schon seit mehreren Jahrzehnten. In der Regel sind es Abonnementverk\u00e4ufer, die von T\u00fcr zu T\u00fcr gehen und versuchen, Zeitungsabonnements zu vermitteln. Es werden aber auch andere Waren zum Kauf angeboten, wie zum Beispiel Gru\u00dfkarten, die angeblich von Behindertenwerkst\u00e4tten produziert werden sowie Haushaltsartikel und Telefonanbieter. Zur Zeit versuchen auch Verb\u00e4nde wie zum Beispiel die Rettungswacht, Mitglieder auf diese Weise zu werben.<\/p>\n<p>Die Struktur in der Dr\u00fcckerszene sieht folgenderma\u00dfen aus: die gro\u00dfen Verlage beauftragen Verlagsservice-Firmen, neue Abonnenten anzuwerben. Es gibt in Deutschland mehrere gro\u00dfe dieser Verlagsservice-Firmen, die sich das Bundesgebiet unter sich aufgeteilt haben: die Firma \u2026\u2026.. sowie die Firma \u2026\u2026. sind vorwiegend im S\u00fcden Deutschlands t\u00e4tig, die Firma \u2026.. im Norden und die Firma \u2026\u2026.. im Osten. Diese besch\u00e4ftigen jeweils weitere Sub-Unternehmen, welche wiederum Ortsgruppenleiter (Orga) einsetzten, die sich dann Kolonnenf\u00fchrer suchen, die entweder bereits eine Dr\u00fcckerkolonne haben oder eine neue aufbauen.<\/p>\n<p>Die potentiellen Dr\u00fccker werden dann \u00fcber eine viel versprechende Zeitungsannonce angeworben: gesucht wird meist ein Produktionshelfer oder Beifahrer, m\u00f6glicher Verdienst ca.400,- \u20ac die Woche, Aufstiegsm\u00f6glichkeiten hervorragend, Kost und Logis frei.<\/p>\n<p>Meldet sich ein Bewerber, wird er sofort \u00fcbernommen. Die Fahrtkosten zur Unterkunft, die meist weit entfernt vom Heimatort liegt und meist eine kleines Hotel oder eine Pension auf dem Land ist, werden \u00fcbernommen. Beim Eintreffen in der Unterkunft wird unter einem Vorwand der Ausweis eingezogen.<\/p>\n<p>Die Arbeitszeit eines Dr\u00fcckers ist t\u00e4glich ca. von 9 Uhr bis 20 Uhr. Freizeit wird nicht viel gew\u00e4hrt. Immer steht der Dr\u00fccker unter Beobachtung und Druck. Der erste Tag als Dr\u00fccker beginnt mit einer intensiven Schulung, wie Abonnements an der T\u00fcr verkauft werden k\u00f6nnen. Danach erfolgt \u201eAnschauungsunterricht\u201c, wobei ein Neuling einen erfahrenen Dr\u00fccker begleitet. Wichtig f\u00fcr die Arbeit der Dr\u00fccker ist vor allem die \u201eMitleidsmasche\u201c: \u00fcber eine Umfrage zu einem Thema wie Behinderung, Aids, Drogen oder Strafvollzug findet meist der Einstieg zum Zeitungsverkauf statt. Indem sich der Dr\u00fccker als angeblich Betroffener zu erkennen gibt, wird versucht, Mitleid zu erzeugen.<\/p>\n<p>Die tats\u00e4chliche Bezahlung eines Dr\u00fcckers erfolgt nicht bar, sondern ist in ein Punktesystem gegliedert: jedes verkaufte Abonnement bringt eine bestimmte Anzahl von Punkten, abh\u00e4ngig von der Zeitung oder Zeitschrift. F\u00fcr den Lebensunterhalt (Unterkunft, Essen, Benzinkosten) ist eine bestimmte Anzahl von Punkten n\u00f6tig (entspricht ungef\u00e4hr f\u00fcnf Abonnements\/Tag), die wieder abgezogen wird. Kann der Dr\u00fccker nicht die geforderte Anzahl verkaufter Abonnements vorweisen, erfolgt in den meisten F\u00e4llen eine Bestrafung: Essensentzug, Psychoterror, Schl\u00e4ge, Misshandlungen aller Art. Jeglicher Kontakt mit der Au\u00dfenwelt (zum Beispiel ein Anruf nach Hause) ist unter keinen Umst\u00e4nden m\u00f6glich. Der Kolonnenf\u00fchrer wird nicht nach dem Punktesystem bezahlt: er erh\u00e4lt monatlich einen vorher festgelegten Betrag (ca.2000,- \u20ac) bar.<\/p>\n<p>Die meisten Aussteiger haben die Kolonne nach wenigen Tagen sofort wieder verlassen. Oft sind hier die Umst\u00e4nde der Flucht schon abenteuerlich, ist man aber erst l\u00e4nger dabei, ist ein Ausstieg fast unm\u00f6glich, zumindest aber gef\u00e4hrlich. Zudem sind Dr\u00fccker, die schon l\u00e4nger dabei sind, oft in einer finanziellen Abh\u00e4ngigkeit von ihren \u201eVorgesetzten\u201c. Zum Beispiel wird f\u00fcr Dr\u00fccker kein Krankenkassenbeitrag gezahlt. Nach drei Monaten ist er somit nicht mehr versichert. Bei einer Krankheit bezahlt der Kolonnenf\u00fchrer die private Arztrechnung. K\u00f6nnen zur Tilgung dieser Schulden nicht gen\u00fcgend Abonnements verkauft werden, beginnt hiermit der Schuldenberg. Werden Dr\u00fccker durch die Polizei festgesetzt, da sie nicht den ben\u00f6tigten Reisegewerbeschein vorweisen k\u00f6nnen, werden sie gegen eine kleine Kaution wieder frei gelassen.<\/p>\n<p>Der Bahnhofsmission Mannheim ist es seit 1993 gelungen, rund 1200 Dr\u00fcckern den Ausstieg zu erm\u00f6glichen. Einige davon wurden dann in Zusammenarbeit mit dem Sozialamt mit Hilfe einer Resozialisierungsma\u00dfnahme wieder in die Gesellschaft eingegliedert: sie befinden sich im Berufsleben und unterhalten eine eigene Wohnung. Den anderen konnte schon mit einer Fahrkarte zur\u00fcck in die Heimat erfolgreich weitergeholfen werden, wobei die Kosten hierf\u00fcr in den meisten F\u00e4llen von der Bahnhofsmission \u00fcbernommen wurden.<\/p>\n<p>Der Leiter der Bahnhofsmission hat bereits viele intensive Gespr\u00e4che mit Dr\u00fcckeraussteigern gef\u00fchrt und mehrere handschriftliche Berichte gesammelt, die diesem Referat zu Grunde liegen. Durch aufwendige Medienarbeit wurde von seiner Seite schon mehrmals versucht, die \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr diese Problematik zu sensibilisieren, zuletzt durch Beitr\u00e4ge in den folgenden Fernsehsendungen: Kennzeichen D; Hallo Deutschland; Landesschau Baden-W\u00fcrttemberg; Die Redaktion; Mensch Ohrner; Fliege; Telethek; Nachtjournal; 37 Grad; RNF plus, Fr\u00fchst\u00fccksfernsehen Sat 1, Report und die Reporter. Dazu kommen unz\u00e4hlige Berichte zu diesem Thema von vielen Rundfunkanstalten. Die zahlreichen Reaktionen nach jeder dieser Sendungen gerade auch von betroffenen Verwandten, Bekannten oder Freunden best\u00e4rken immer wieder aufs Neue, die Aufkl\u00e4rung der \u00d6ffentlichkeit immer weiter voranzutreiben. Um hier aber Wirkung zu erzielen, ben\u00f6tigt die Bahnhofsmission Mannheim weit reichende Unterst\u00fctzung. Gefragt sind dabei vor allem Tr\u00e4gerverb\u00e4nde, aber auch Politik und Wirtschaft. Es m\u00fcssen Anlaufstellen geschaffen werden, am die sich Betroffene wenden k\u00f6nnen, die aber auch schon im Vorfeld Aufkl\u00e4rungsarbeit leisten. Aber auch die zu Grunde liegenden gesellschaftlichen Probleme wie die hohe Jugendarbeitslosigkeit m\u00fcssen bek\u00e4mpft werden, um den Zulauf auf zwielichtige Zeitungsannoncen zu verringern. Haust\u00fcrgesch\u00e4fte sollten gesetzlich unterbunden werden, Finanz\u00e4mter sollten Unterhalter von Dr\u00fcckerkolonnen genauer pr\u00fcfen, Reisegewerbescheine m\u00fcssen regelm\u00e4\u00dfig polizeilich gepr\u00fcft werden. Am wichtigsten bleibt aber nach wie vor ein Punkt: Aufkl\u00e4rungsarbeit in der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hintergrundinformationen \u2013 Erfahrungen \u2013 Hilfe zum Ausstieg Der Name Dr\u00fcckerkolonne setzt sich wie folgt zusammen: \u201eDr\u00fccker\u201c von Klingelknopf- oder T\u00fcrklinkendr\u00fccken, \u201eKolonne\u201c von der Arbeit in der Gruppe. Dr\u00fcckerkolonnen existieren schon seit mehreren Jahrzehnten. In der Regel sind es Abonnementverk\u00e4ufer, die von T\u00fcr zu T\u00fcr gehen und versuchen, Zeitungsabonnements zu vermitteln. 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